Warum das Klimaziel von Paris ohne Ernährungswende verloren ist.

Die Bewältigung der Klimakrise ist die wohl größte Aufgabe unserer Generation. Jedes Zehntelgrad Erwärmung, das wir verhindern können, müssen wir verhindern. Trotzdem wird ein Sektor oft nicht thematisiert, obwohl er das vielleicht größte Klimaschutzpotenzial bietet und sich theoretisch schnell ändern ließe: unsere Ernährung.

Die Klimawirkung von Landwirtschaft und Ernährung ist so groß, dass dieser Sektor bei gegenwärtigem Trend von alleine die Treibhausgasbudgets zum Erreichen der Paris-Ziele sprengen kann, wie Ende 2020 eine in Science veröffentlichte Studie zeigt:

„Clark et al. show that even if fossil fuel emissions were eliminated immediately, emissions from the global food system alone would make it impossible to limit warming to 1.5°C and difficult even to realize the 2°C target.“

Studie in Science von Clark et al. (2020), hier abrufbar.

Noch einmal, weil es so dramatisch ist: Selbst wenn wir jetzt sofort sämtliche fossilen Anlagen wie Kohlekraftwerke, Gasheizungen und Dieselautos abschaffen würden, würde der Ernährungssektor allein ein Erreichen des 1,5-Grad-Ziels von Paris unmöglich machen. Ohne Ernährungswende bleibt jeder Klimaschutz unzureichend.

Das Klimapotenzial der Landwirtschaft wird unterschätzt.

Der Weltklimarat IPCC hat die Auswirkungen von Landwirtschaft und Ernährung erst 2019 in einem Sonderbericht untersucht. Er gibt die gesamten Emissionen aus dem globalen Ernährungssystem mit 10,8 Gt CO2e–19,1 Gt CO2e im Jahr an, Tendenz steigend. Das entspricht 21 bis 37 Prozent der gesamten anthropogenen Emissionen von rund 52 Gt CO2e/Jahr. Jeweils deutlich mehr als der gesamte Verkehrssektor (14 %) bzw. Bau und Beheizung sämtlicher Gebäude (18 %, jeweils siehe IPCC-AR5).

Noch deutlicher wird die Notwendigkeit einer Ernährungswende, wenn man einen Blick auf den Flächenverbrauch der Landwirtschaft wirft. Forscher*innen um Timothy Searchinger von der Princeton University haben untersucht, welchen Effekt Landnutzungsänderungen auf den Klimaschutz haben. Derzeit verursachen wir durch Landnutzungsänderungen dramatische Klimaschäden, insbesondere durch die Trockenlegung von Mooren und das Abholzen von Regenwäldern. Das ginge auch umgekehrt: Landwirtschaftliche Flächen können als potenziell größte bekannte und sichere Kohlenstoffsenken gelten, ob durch die Wiedervernässung von Moorböden, den Aufbau von Humus oder durch Aufforstung.

Solche Potenziale für eine alternative Nutzung der Fläche haben diese Forscher*innen für ihre in Nature publizierte Studie (siehe unten) den landwirtschaftlichen Produkten zugeschlagen, die momentan auf dieser Fläche angebaut werden und damit der Nutzung für den Klimaschutz entgegenstehen. Das sind neben Bio-Kraftstoffen vor allen Dingen tierische Lebensmittel – weil die landwirtschaftliche Tierhaltung so immense Flächen beansprucht (siehe unten). Die so ermittelte Klimawirkung bezeichnen sie als Carbon Benefits Index. Das Ergebnis ist erstaunlich:

„Demnach trägt die Ernährung der Menschen in Europa genauso viel zur globalen Erwärmung bei wie der gesamte übrige Verbrauch von Energie und allen weiteren Gütern zusammengenommen.“

Humboldt-Universität Berlin zur Studie zum Carbon Benefits Index

In Zahlen bedeutet das: Die durchschnittliche Ernährung eines Menschen hat eine Klimawirkung von 8,7 t CO2e pro Jahr, wobei zu den 2,3 t CO2e/Jahr aus der Produktion etwa 6,4 t CO2e/Jahr als „Opportunitätskosten“, also als entgangene Möglichkeiten zum Klimaschutz, dazu kommen.

Wird der Fleischkonsum halbiert, eine populäre Forderung von Umweltverbänden, ergeben sich noch immer 6,3 t CO2e pro Jahr (−28 %). Selbst eine vegetarische Ernährung kommt durch die hohe Klimawirkung von Milchprodukten noch auf 5,4 t CO2e/Jahr (−38 %) pro Kopf. Erst eine vegane Ernährung senkt die realen und als Opportunitätskosten angerechneten Emissionen deutlich auf 1,8 t CO2e/Jahr (−79 %) – ein Unterschied von 6,9 t CO2e im Jahr. Mit anderen Worten: Eine pflanzliche Ernährung hat ein Klimaschutzpotenzial von rund sieben Tonnen CO2 im Jahr – pro Person.

Klimawirkung verschiedener Ernährungsstile nach dem Carbon Benefits Index (nach Figure 3 der Studie Searchinger et al., siehe unten).

Betrachtet man mit diesem Ansatz einzelne Lebensmittel, wird die immense Klimawirkung deutlich. Das gilt am allermeisten für Rindfleisch, welches mit 188 kg CO2e pro kg Rindfleisch angegeben wird (siehe Extended Table 2 der Studie). Die externen Kosten alleine durch die Klimaschäden entsprechen damit 128 € pro kg Rindfleisch nach der Methodenkonvention 3.1 des Umweltbundesamts, bei einer Gleichgewichtung der Wohlfahrt heutiger und zukünftiger Generationen. Das sind 13 € Klimafolgekosten für einen einzigen Burger.

Aber sind die Zahlen nicht kleiner?

Häufig wird der Anteil der Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft in Deutschland relativ gering angegeben, zum Beispiel vom Umweltbundesamt mit 7,4 % für 2018 (siehe UBA hier). Das hat mehrere Gründe, die in der Systematik der Treibhausgasbilanzierung liegen, wie es die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen vorgibt (siehe auch Artikel von Friederike Schmitz hier):

  1. Emissionen aus der Landnutzung, die beispielsweise durch wenig schonenden Ackerbau aus den Böden entstehen, sowie Landnutzungsänderungen, zum Beispiel die Umwandlung zum Beispiel von Waldflächen in Futtermittelflächen oder von Moorflächen in Weideflächen, werden gesondert berichtet, also nicht den Emissionen der Landwirtschaft zugeschlagen. Obwohl beide natürlich landwirtschaftlich bedingt sind.
  2. Energieverbräuche im Zusammenhang mit der Landwirtschaft, etwa Diesel für Traktoren, Strom für Gewächs- und Kühlhäuser usw. werden anderen Sektoren zugeordnet – und nicht der Landwirtschaft.
  3. Gleiches gilt zum Beispiel für die Düngemittel- und Pestizidproduktion, welche dem Sektor Industrie zugeschrieben werden.
  4. Die Inanspruchnahme landwirtschaftlicher Flächen taucht in der Bilanz gar nicht auf. Für das Klima ist sie aber äußerst relevant, denn die Flächen könnten auch als Kohlenstoffsenken dienen (siehe oben).

Werden diese Faktoren berücksichtigt, ergibt sich eine weitaus größere Bedeutung von Landwirtschaft und Ernährung. Die (nicht für Klimaschutz in der Landwirtschaft bekannte) Bundesregierung gibt zum Beispiel an, dass ein Fünftel der Treibhausgasemissionen in Deutschland auf Ernährung zurückzuführen sind (siehe hier oder hier).

Dazu kommt, dass es sich eben um eine nationale Treibhausgasbilanz handelt, die auf der hiesigen Produktion, nicht dem Konsum basiert. Sie erfasst daher nur die Emissionen, die auf der Landesfläche entstehen. Die Klimaschäden, die in importierten Gütern – und damit auch Lebensmitteln und Futtermitteln – enthalten sind, werden dagegen nicht erfasst. Dieses Bilanzierungsprinzip kann in einer globalisierten Welt und insbesondere in einem globalen Ernährungssystem natürlich nie die ganze Wahrheit sagen.

Am Ende sind die prozentualen Angaben aber auch nur eine Lesart, die stark von den (in Deutschland extrem hohen) Emissionen in den anderen Sektoren beeinflusst wird. Hier hilft ein Blick auf die absoluten Zahlen – und die Perspektive der Klimaneutralität. Denn:

Eine vollständig emissionsfreie Landwirtschaft gibt es nicht.

Während im Energiesektor Kohle- und Gaskraftwerke durch Windenergie- und Solaranlagen ersetzt werden müssen, im Verkehrssektor Verbrenner durch elektrische Antriebe und im Gebäudesektor ebenfalls fossile Energieträger durch strombetriebene Wärmepumpen und andere technische Lösungen ersetzt werden können, um den jeweiligen Sektor klimaneutral zu machen, gibt es eine solche Lösung in der Landwirtschaft nicht. Ein Auto kann auf einen Elektromotor umgestellt werden – eine Kuh wird ihren Verdauungstrakt behalten.

Daher unterscheidet sich auch das Szenario der Klimaneutralität: Wenn in einigen Jahren alle Erdgaskessel, Dieselbusse und Kohlekraftwerke abgeschafft sind, ist Deutschland immer noch nicht klimaneutral, denn die Emissionen der Tiere selbst und die Klimaschäden der veränderten Landnutzung bleiben. Sie können nur durch Kohlenstoffsenken auf der anderen Seite ausgeglichen werden – insbesondere durch Moore und Wälder, für die, wie beschrieben, die Flächeninanspruchnahme der Lebensmittelproduktion stark sinken muss. Umso wichtiger ist es daher, über veränderte Konsumgewohnheiten die Tierbestände deutlich zu verringern.

Es geht nicht nur um den Klimawandel.

Die Folgen unserer Landwirtschaft gehen weit über den Klimawandel hinaus: Unsere Ernährung verursacht erhebliche weitere Umweltprobleme, vom Nitrat im Grundwasser über den Rückgang der Artenvielfalt bis zur Abholzung von Regenwäldern. Erst gerade hat ein vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen mitherausgegebener Bericht das eindrucksvoll aufgezeigt (Benten et al. 2021, siehe unten).

In den meisten Fällen steckt hinter dieser Entwicklung nicht die gesamte Landwirtschaft, sondern in erster Linie die Tierhaltung. Joseph Poore von der University of Oxford, Autor einer der umfassendsten Studien zu den Umweltwirkungen der Landwirtschaft (Poore & Nemecek 2018, Science, Link siehe unten), hat in diesem Zusammenhang erklärt:

„A vegan diet is probably the single biggest way to reduce your impact on planet Earth, not just greenhouse gases, but global acidification, eutrophication, land use and water use“

Joseph Poore, University of Oxford, UK, gegenüber dem Guardian, 31.05.2018, hier abrufbar.

Grund dafür ist unter anderem, dass die Tierhaltung global zwar nur 18 % der Kalorien bereitstellt, aber 83 % der landwirtschaftlichen Flächen in Anspruch nimmt (gleiche Quelle). Diese dramatische Ineffizienz, die in der Tierhaltung zur Lebensmittelproduktion steckt, macht sie zu einem der größten Umweltprobleme überhaupt.

Von den unwürdigen Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen, dem milliardenfachen Tierleid, der potenziellen Entstehung zoonotischer Krankheiten und von Antibiotikaresistenzen oder dem erhöhten Risiko von beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei übermäßigem Konsum tierischer Lebensmittel ist dabei noch gar nicht die Rede.

Müssen jetzt alle vegan werden?

Jein. Auch wenn das für Klima, Umwelt und Tiere wohl die beste Lösung wäre (schließlich zählt jedes Zehntelgrad) – zum Erreichen der Pariser Klimaziele ist dieser sehr weitgehende Schritt nicht unbedingt nötig, solange die übrigen Sektoren schnellstmöglich dekarbonisiert werden. Sehr wohl nötig ist aber eine deutliche Reduktion des Konsums tierischer Lebensmittel. Eine Paris-kompatible Ernährung ist einer veganen Ernährung deutlich näher als der heutigen Durchschnittsernährung in Deutschland.

Ein Beispiel für eine klimaverträgliche Ernährungsweise stellt die Planetary Health Diet (PHD) der EAT-Lancet-Kommission dar. Ziel war es, eine Ernährungsweise zu entwickeln, die nachhaltig ist, im Jahr 2050 eine Weltbevölkerung von 10 Milliarden Menschen ernähren kann und ernährungsbedingte Todesfälle stark reduziert. Ein wesentlicher Anspruch war dabei die Kompatibilität mit dem Klimaabkommen von Paris.

Das Ergebnis ist eine Ernährungsweise, die tierische Lebensmittel im Vergleich zur heute üblichen Ernährung auf einen Bruchteil reduziert (auf rund ein Viertel des heutigen Niveaus in Deutschland), beispielsweise auf 14 g rotes Fleisch pro Tag, dem Äquivalent eines kleinen Burgers pro Woche (siehe Summary Report). Wer morgens ein Glas Kuhmilch trinkt, hat seine Tagesdosis Milchprodukte dann schon aufgebraucht – Joghurt, Käse, Sahne oder Butter aus Kuhmilch sind dann nicht mehr drin. Diese Ernährungsweise gibt einen Eindruck davon, in welcher Größenordnung ein klimakompatibler Konsum von tierischen Lebensmitteln liegt: rund drei Viertel unter dem heutigen Niveau.

Prozentuale Reduktion des Konsums tierischer Lebensmittel nach der Planetary Health Diet im Vergleich zum derzeitigen Durchschnitt in Deutschland. Eigene Darstellung nach EAT-Lancet 2019 und den Versorgungsbilanzen des BMEL 2021 sowie BLE/BZL 2020.

Auch die in Deutschland geltenden Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sind nicht im Einklang mit den Klimazielen von Paris, wie eine Studie von Marco Springmann et al. im British Medial Journal gezeigt hat:

„Die Studie ergab zudem, dass der Grenzwert für ernährungsbedingte Treibhausgasemissionen, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten, um mehr als das Doppelte überschritten würde, würden weltweit deutsche Ernährungsempfehlungen gelten.“

Süddeutsche Zeitung über Springmann et al. 2020, hier abrufbar.

Die Standards der DGE für Gemeinschaftsverpflegung werden immer wieder überarbeitet. Zuletzt im November 2020 hat sie ihre Empfehlungen für die Schulverpflegung zugunsten von weniger Tierprodukten angepasst, fordert jetzt zum Beispiel nur noch maximal einmal wöchentlich Fleisch im Mittagsangebot (also quasi vier Veggiedays) und befürwortet vegetarische Ernährung als Dauerkost (siehe Pressemitteilung).

Aber ist Weidehaltung nicht gut für das Klima?

Nein. Auch die Wiederholung des Slogans „Die Kuh ist kein Klimakiller“ macht das nicht wahrer. Weidehaltung kann klimafreundlicher sein als Stallhaltung – klimafreundlich ist sie aber nicht. Die Klimawirkung von Fleisch und Kuhmilch bleibt um ein Vielfaches höher als die von Veggieschnitzel oder Hafermilch.

Die Idee hinter der vermeintlich klimafreundlichen Weidehaltung ist der Eintrag von Kohlenstoff aus der Atmosphäre in den Boden – Humusaufbau durch Düngung, stärkeres Wurzelwachstum usw. Dieses Ziel soll etwa durch „holistisches Weidemanagement“ verstärkt werden, und damit würde die Weidehaltung eine Kohlenstoffsenke darstellen, sich also positiv auf den Klimaschutz auswirken. Tatsächlich funktioniert diese Kohlenstoffsenke aber überhaupt nur unter sehr speziellen Bedingungen, wie die groß angelegte Metastudie „Grazed and Confused“ (s. u.) gezeigt hat. Selbst dann ist der Effekt klein, zeitlich begrenzt und wird von den Methan-Emissionen der auf der Weide gehaltenen Tiere substanziell überwogen.

Was ist mit regionaler Ernährung? Und den ganzen Plastikverpackungen?

Regionale Ernährung ist richtig und wichtig – aber spielt im Vergleich zur Frage tierischer vs. pflanzlicher Ernährung aus Klimaschutzsicht eine untergeordnete Rolle. Gleiches gilt für die Frage der Verpackung von Lebensmitteln.

Hannah Ritchie hat die Treibhausgasemissionen einzelner Lebensmittel aus der oben genannten Studie von Poore und Nemecek 2018 (Science, Link siehe unten) ausgewertet. Bei der Aufteilung auf einzelne Schritte der Lieferkette (siehe Abbildung) fällt auf, dass die Transportemissionen (rot) sowie die der Verpackung zuzuordnenden Emissionen (grau) für nahezu alle untersuchten Lebensmittel nur einen sehr geringen Anteil ausmachen. Der Unterschied insbesondere zwischen tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln ist dagegen dramatisch. Und das, obwohl die Studie die Opportunitätskosten der Flächeninanspruchnahme, wie der Carbon Benefits Index sie ermittelt (und damit auf noch größere Klimawirkung der tierischen Lebensmittel kommt), gar nicht einberechnet hat.

Zusammensetzung der Treibhausgasemissionen über die Lieferkette für ausgewählte Lebensmittel. Quelle: Grafik unverändert aus: Our World in Data, Hannah Ritchie, 24.01.2020, hier abrufbar, veröffentlicht unter CC-BY.

Bedeutend bleibt die Frage der Regionalität vor allen Dingen in einem Fall: Transport mit dem Flugzeug. Auf die Flug-Ananas sollte daher auch in Zukunft verzichtet werden.

Aber Bio ist doch besser fürs Klima?

Das ist gar nicht so eindeutig. Und auch hier gilt: Der größte Unterschied liegt zwischen Tierprodukten und pflanzlichen Lebensmitteln, nicht zwischen bio und konventionell.

Pieper et al. (2020) haben erst kürzlich in einer Studie in Nature Communications die externen Kosten des Klimawandels für verschiedene Lebensmittel untersucht. Das Ergebnis: Für die untersuchten Tierprodukte (Eier, diverse Fleischsorten) ist kein Vorteil für die biologische Variante zu erkennen. Für Milchprodukte gibt es einen geringen Vorteil für Biomilch (21 % weniger Klimaschäden). Die Unterschiede sind aber immer noch verschwindend gering im Vergleich zur Frage tierisch oder pflanzlich.

Externe Kosten des Klimawandels nach Figure 1, Pieper et al. 2020 (Nature Communications, s. u.).

Auch andere Studien kommen zu dem Ergebnis, dass biologische Landwirtschaft nicht notwendigerweise klimafreundlicher ist. Das ifeu-Institut hat ebenfalls im letzten Jahr für diverse Lebensmittel Ökobilanzdaten erhoben (Reinhard et al. 2020). Hier schneiden die biologischen Lebensmittel in der Kategorie Treibhausgasemissionen sogar durchweg schlechter ab als konventionelle. Das liegt insbesondere am höheren Flächenbedarf der biologischen Landwirtschaft.

Diese Ergebnisse dürfen allerdings nicht damit verwechselt werden, dass biologische Landwirtschaft deshalb nicht förderungswürdig wäre – ganz im Gegenteil. In anderen Umweltfragen wie dem Beitrag zur Artenvielfalt liegt biologische Landwirtschaft deutlich vorn. Wichtig ist nur, dass biologische Tierprodukte eben keine Lösung für den Klimawandel darstellen. Hier hilft allein die Ernährungswende zugunsten pflanzlicher Ernährung.

Und was bedeutet das jetzt?

Wer Klimaschutz ernst nimmt, muss sich neben der Energie- und Verkehrswende gleichermaßen für eine schnelle und umfangreiche Agrar- und Ernährungswende einsetzen. Jede Bemühung um die Dekarbonisierung von Industrie und Energieerzeugung wird allein nicht ausreichen, um das Paris-Abkommen einzuhalten. Die deutliche Reduktion der Tierbestände und des Konsums tierischer Lebensmittel muss Bestandteil jeder Klimapolitik werden. Selbst eine Halbierung des Fleischkonsums ist dafür lange nicht genug.

Politik muss auf zwei Ebenen ansetzen, bei der Produktion und beim Konsum. Werden nur die Tierbestände reduziert, aber die Menschen essen weiter genauso viel Fleisch, dann kommt es zukünftig einfach woanders her. Wird nur der Konsum reduziert, produziert Deutschland noch stärker für den Export.

Eine zielgerichtete Politik braucht dafür klare Reduktionsziele. Diese könnten sich beispielsweise an einer Umsetzung der Planetary Health Diet bis 2030 orientieren. Das würde bedeuten, den Konsum tierischer Lebensmittel bis 2030 um rund drei Viertel zu reduzieren – und entsprechend auch die Tierbestände.

Mögliche Instrumente für geringere Tierbestände sind:

  • Moratorium für neue Tierhaltungsanlagen, beispielsweise über das Baugesetzbuch; Umbauten an Reduktion der Tierbestände knüpfen
  • Einführung von Produktionsrechten bzw. -quoten und/oder Ausstiegsprogrammen für Tierhalter*innen, die ihnen eine Zukunft außerhalb der Tierhaltung geben
  • Verschärfung des Düngerechts (Absenken der erlaubten Bilanzüberschüsse)
  • Einführung einer Stickstoffabgabe/-steuer, um die Überdüngung und damit verbundene Emissionen zu verringern
  • Einführung und schrittweise Verschärfung einer Flächenbegrenzung für kontinuierlich sinkende Tierbestände (GVE/ha)
  • Ende der direkten und indirekten Subventionierung von Tierhaltung, insbesondere durch Umbau der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) zulasten der Direktzahlungen, die Futtermittelproduktion billig machen
  • Importverbot für Futtermittel
  • Einschränkung des Exports tierischer Lebensmittel
  • Förderung bio-veganer Landwirtschaft
  • Förderung der Forschung und Entwicklung pflanzlicher Ersatzprodukte zu tierischen Lebensmitteln

Mögliche Instrumente für eine Reduktion des Konsums sind (teilweise aus dem Beschluss des Grünen Parteitags 2019):

  • Mehrwertsteuer reformieren: für tierische Lebensmittel den vollen Satz, für pflanzliche den reduzierten (derzeit ist es meist andersherum)
  • Steuer oder Abgabe auf tierische Lebensmittel, die die externen Kosten von Klimawandel und Umweltschäden einpreist
  • öffentliche Mensen und Kantinen auf pflanzliches Essensangebot umstellen
  • Komponente Milch des EU-Schulprogramms beenden
  • Transparenz über die Klimawirkung von Lebensmitteln, auch durch CO2-Fußabdrücke auf Verpackungen
  • Transparenz durch eine klare Kennzeichnung von tierischen Inhaltsstoffen und den Abbau von sprachlichen und bildlichen Beschönigungen auf Verpackungen und in der Bewerbung von Tierprodukten, bis hin zu Werbeverboten für tierische Lebensmittel
  • umfassende, unabhängige Ernährungsbildung und Öffentlichkeitsarbeit, insbesondere über die Folgen der Tierhaltung und die Vorteile pflanzlicher Ernährung
  • eine Anpassung der Ausbildung von Köch*innen, sodass die Zubereitung pflanzlicher Lebensmittel einen höheren Stellenwert erhält und eine vegane Kochausbildung möglich wird
  • Ernährungspolitik in der internationalen Klimapolitik und auf Klimakonferenzen einen größeren Stellenwert geben

 

Hast du Fragen oder Anmerkungen zu diesem Text?
Schreib mir an philipp.bruck@gruene-bremen.de.

Ihr macht Veranstaltungen zu Klimapolitik und Ernährungswende?
Ich komme gerne vorbei und diskutiere mit euch – wenn auch derzeit wohl nur per Videokonferenz.

 

Updates des Artikels

8. September 2021: Ergänzung von Produktionsrechten, Düngerecht und Ersatzprodukten bei den Instrumenten.

7. April 2021: Im Abschnitt „Müssen jetzt alle vegan werden?“ wurde eine Grafik mit der jeweils nötigen Reduktion von Tierprodukten nach der Planetary Health Diet eingefügt. Dazu wurden bei den Quellen die genauen Daten und ihre Herkunft ergänzt.

5. April 2021: Im Abschnitt „Es geht nicht nur um den Klimawandel“ wurde ein kurzer Hinweis auf gesundheitliche Problematiken des hohen Konsums tierischer Lebensmittel ergänzt.

Quellen

Clark et al. 2020:

Clark MA et al. (2020): Global food system emissions could preclude achieving the 1.5° and 2°C climate change targets. Science. Vol 370 (6517), 705-708.
DOI: https://doi.org/10.1126/science.aba7357
https://science.sciencemag.org/content/370/6517/705

Artikel dazu in der Süddeutschen Zeitung:
https://www.sueddeutsche.de/wissen/landwirtschaft-ernaehrung-treibhausgase-klimaschutz-1.5106492

IPCC-Sonderbericht Klimawandel und Landsysteme:

IPCC-Sonderbericht über Klimawandel und Landsysteme (SRCCL 2019): IPCC-Sonderbericht über Klimawandel, Desertifikation, Landdegradierung, nachhaltiges Landmanagement, Ernährungssicherheit und Treibhausgasflüsse in terrestrischen Ökosystemen.
https://www.de-ipcc.de/254.php

Deutsche Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger*innen mit den zitierten Angaben in den Aussagen A.3 und A.3.6 sowie der Tabelle auf Seite 10:
https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2020/07/SRCCL-SPM_de_barrierefrei.pdf

IPCC Fünfter Sachstandsbericht (AR5):

IPCC, 2014: Klimaänderung 2014: Synthesebericht. Beitrag der Arbeitsgruppen I, II und III zum Fünften Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) [Hauptautoren, R.K. Pachauri und L.A. Meyer (Hrsg.)]. IPCC, Genf, Schweiz. Deutsche Übersetzung durch Deutsche IPCC-Koordinierungsstelle, Bonn, 2016.
https://www.ipcc.ch/site/assets/uploads/2018/02/IPCC-AR5_SYR_barrierefrei.pdf

Carbon Benefits Index:

Searchinger, T.D., Wirsenius, S., Beringer, T. et al. Assessing the efficiency of changes in land use for mitigating climate change. Nature 564, 249–253 (2018).
DOI: https://doi.org/10.1038/s41586-018-0757-z
https://www.nature.com/articles/s41586-018-0757-z

dazugehörige Pressemitteilung der HU Berlin mit dem hier abgedruckten Zitat:
https://www.hu-berlin.de/de/pr/nachrichten/dezember-2018/nr_181213_01

Benton et al. 2021:

Tim G. Benton, Carling Bieg, Helen Harwatt, Roshan Pudasaini and Laura Wellesley: Food system impacts on biodiversity loss – Three levers for food system transformation in support of nature. CHATHAM HOUSE 2021.
https://www.chathamhouse.org/2021/02/food-system-impacts-biodiversity-loss/summary

Dazu SPIEGEL-Artikel „Fleischkonsum ist der größte Feind der Natur“, 04.02.2021:
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/uno-bericht-fleischkonsum-ist-groesster-naturzerstoerer-a-0b441812-4ed4-44ca-91a9-a83dedca4dbc

Poore & Nemecek 2018:

Poore, J., & Nemecek, T. (2018). Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science, 360(6392), 987-992.
https://science.sciencemag.org/content/360/6392/987

Artikel dazu beim Guardian mit dem Zitat von Joseph Poore zu veganer Ernährung:
https://www.theguardian.com/environment/2018/may/31/avoiding-meat-and-dairy-is-single-biggest-way-to-reduce-your-impact-on-earth

Artikel dazu bei Our World in Data mit den Auswirkungen u. a. von Transport und Verpackung:
https://ourworldindata.org/food-choice-vs-eating-local

Planetary Health Diet (PHD)/EAT-Lancet:

Walter Willett et al. (2019): Food in the Anthropocene: the EAT–Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. The Lancet 393(10170). DOI: 10.1016/S0140-6736(18)31788-4.
https://www.researchgate.net/publication/330443133_Food_in_the_Anthropocene_the_EAT-Lancet_Commission_on_healthy_diets_from_sustainable_food_systems

The Planetary Health Diet – Summary Report (2019):
https://eatforum.org/content/uploads/2019/07/EAT-Lancet_Commission_Summary_Report.pdf

Reduktion Konsum tierischer Lebensmittel nach PHD:

Die Reduktion des Konsums tierischer Lebensmittel um etwa drei Viertel ergibt sich aus dem Vergleich des aktuellen Konsums gegenüber dem der PHD. Für Fleisch (für 2020), Eier (2020) und Fisch (2019) wurden die Daten den Versorgungsbilanzen des BMEL entnommen:
https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/fleisch/
https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/eier/
https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/fisch/
Für Milch und deren Folgeprodukte entstammen die Daten (für 2019) dem BLE/BZL, Nr. 10 der Liste („Vollmilchäquivalente):
https://www.ble.de/DE/BZL/Daten-Berichte/Milch-Milcherzeugnisse/Versorgungsbilanzen.html?nn=8906974

Daraus ergeben sich folgende Reduktionen, jeweils in kg pro Person und Jahr:

  • Rotes Fleisch: von 44,07 auf 5,11 (-88 %)
  • Geflügel: von 13,26 auf 10,59 (-20 %)
  • Milchprodukte: von 388,48 auf 91,25 (-77 %)
  • Eier: von 14,80 auf 4,75 (-68 %)
  • Fisch: von 13,10 auf 10,22 (-22 %)

In Summe ist das eine Reduktion des Fleischkonsums um 73 %, aller Tierprodukte inklusive Fisch um 74 % und der an Land gewonnenen Tierprodukte um 76 %.

Springmann et al. 2020:

Springmann Marco, Spajic Luke, Clark Michael A, Poore Joseph, Herforth Anna, Webb Patrick et al. The healthiness and sustainability of national and global food based dietary guidelines: modelling study BMJ 2020; 370 :m2322.
http://press.psprings.co.uk/bmj/july/foodguidelines.pdf

Artikel dazu in der Süddeutschen, 17.07.2020:
https://www.sueddeutsche.de/wissen/ernaehrung-umwelt-klima-1.4969687

Grazed & Confused:

Garnett, T., Godde, C., Muller, A., Röös, E., Smith, P., de Boer, I.J.M., zu Ermgassen, E., Herrero, M., van Middelaar, C., Schader, C. and van Zanten, H. (2017). Grazed and Confused? Ruminating on cattle, grazing systems, methane, nitrous oxide, the soil carbon sequestration question – and what it all means for greenhouse gas emissions. FCRN, University of Oxford.
https://tabledebates.org/node/12335

Artikel dazu von der Oxford Martin School, 03.10.2017:
https://www.oxfordmartin.ox.ac.uk/news/2017-news-grazed-and-confused/

Bericht dazu in der Süddeutschen, 27.11.2017:
https://www.sueddeutsche.de/wissen/tierhaltung-wie-rindfleisch-dem-klima-schadet-1.3763891

Pieper et al. 2020:

Pieper, M., Michalke, A. & Gaugler, T. Calculation of external climate costs for food highlights inadequate pricing of animal products. Nat Commun 11, 6117 (2020). https://doi.org/10.1038/s41467-020-19474-6
https://www.nature.com/articles/s41467-020-19474-6#citeas

Reinhard et al. 2020:

Guido Reinhardt, Sven Gärtner, Tobias Wagner: Ökologische Fußabdrücke von Lebensmitteln und Gerichten in Deutschland. Heidelberg: ifeu-Institut (2020).
https://www.ifeu.de/wp-content/uploads/Reinhardt-Gaertner-Wagner-2020-Oekologische-Fu%C3%9Fabdruecke-von-Lebensmitteln-und-Gerichten-in-Deutschland-ifeu-2020.pdf

taz-Artikel dazu mit Zitaten des Studienleiters, 07.06.2020:
https://taz.de/Studie-zu-Lebensmitteln-und-CO2-Ausstoss/!5687804/